Bewerbung , Studium

Masterplan 2020: Das Medizinstudium der Zukunft

Justin
04.01.2021
5 Min

Bislang entschied der Abiturnotendurchschnitt in Deutschland darüber, ob ein/e Bewerber/in für das Medizinstudium geeignet ist oder nicht. Aufgrund der hohen Bewerberzahl waren die Universitäten/Hochschulen gezwungen, ihre Leistungsgrenzen extrem weit nach oben zu setzten. Nur bis zu einem Notendurchschnitt von 1,1 hatte man als Bewerber/in für das Medizinstudium die Chance auf eine Direktzulassung. Wer eine schlechtere Abiturdurchschnittsnote erreichte, der konnte bis jetzt nur auf eine Zulassung über die Wartezeitquote oder mithilfe des Auswahlverfahrens der Hochschulen (AdH) hoffen.

Wenn man das vor Augen geführt bekommt, kann man sich kaum ausmalen, dass diese Zustände in einem Land mit großem Ärztemangel herrschen. Aus diesem Grund wurde das Zulassungsverfahren und der Studienverlauf selbst mit dem Masterplan 2020 reformiert. Dieser Masterplan trat am 31. Dezember 2019 in Kraft und hat das komplette Medizinstudium von der Zulassung bis zum Praktischen Jahr (PJ) hin verändert.

Was änderte sich durch den Masterplan 2020?

  • Einführung eines staatlichen Studierfähigkeitstests mit kostenloser und wiederholbarer Teilnahme
  • Einführung von Lehrangeboten und Förderprogrammen mit Einblick in die Allgemeinmedizin
  • Einführung eines einheitlichen, transparenten Auswahlverfahrens mit nur einer Quote. Innerhalb des Auswahlverfahrens sollen folgende Kriterien mit einbezogen werden:
    • Ergebnis des fachspezifischen Studierfähigkeitstest
    • Abiturnote
    • abgeschlossene Berufsausbildung
    • Freiwilligendienste z. B. Freiwilliges Soziales Jahr
  • Abschaffung der Teilstudienplätzen
  • Abschaffung der Wartezeitquote
  • Einrichtung von allgemeinmedizinischen Lehrstühlen
  • veränderte Studienplatzvergabe: 10 % der Studienplätze sollen an Studierenden vergeben werden, die sich verpflichten, für mindestens 10 Jahren in einer Landarztpraxis zu praktizieren

Veränderte Studienplatzvergabe

Im Jahr 1977 wurde festgelegt, dass die Wartezeit die Dauer des Studiums nicht überschreiten darf. Bis jetzt ist die Nachfrage nach Medizinstudienplätze aber so hoch, dass die Wartezeit in der Regel ca. 14 Semester betragen würde. Das überschreitet die Regelstudienzeit um mindestens ein Jahr. Mit dem Masterplan im Jahr 2020 bzw. der neuen Reform wurde die Wartezeitquote nun durch die Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ) ersetzt.

Ein weiteres Thema, welches sich mit der Studienplatzvergabe beschäftigt, ist die Ortspräferenz. Bisher durften Bewerber/innen auf dem Bewerbungs- und Informationsportal Hochschulstart maximal sechs Wunschhochschulorte mit absteigender Präferenz angeben. Das Problem dabei war, dass einige Universitäten/Hochschulen nur die Bewerber/innen akzeptierten, welche die jeweilige Universität/Hochschule als erste Ortspräferenz bei der Bewerbung einstuften. Dadurch, dass es für die Bewerber/innen nicht möglich war, die erste Ortspräferenz zweimal zu besetzen, kamen einige Universitäten/Hochschulen für eine Bewerbung leider gar nicht mehr in Frage. Diese Regelung wurde mit der Reform aufgehoben.

Ob ein/e Bewerber/in für das Medizinstudium zugelassen wird oder nicht, ist heutzutage nach wie vor extrem abhängig von der Abiturdurchschnittsnote. Leider ist dieses Kriterium nicht sehr aussagekräftig, da die Abiturnote keine Angaben über die persönlichen Fähigkeiten und Talente des/der Bewerbers/in macht. Zusätzlich unterscheiden sich die Abituraufgaben der verschiedenen Bundesländer in ihrem Schwierigkeitsgrad und damit sind die Abiturnoten untereinander nicht vergleichbar.

Damit dieses Szenario in Zukunft verhindert wird, wird mit dem Masterplan 2020 ein fachspezifischer Studierfähigkeitstest eingeführt. Dieser soll kostenlos und mehrmals im Jahr angeboten werden. Um nicht auszuschließen, dass das Wohlbefinden oder tagesabhängige Stimmungen des Prüflings die Testergebnisse beeinflussen, soll der Test wiederholbar sein. Zusätzlich werden ab sofort für die Abiturdurchschnittsnoten sogenannte Landeslisten erstellt, welche Bewerber/innen des eigenen Bundeslandes konkurrieren lassen. Anschließend werden alle 16 Landelisten zu einer Bundesliste zusammengefasst, welche das Bevölkerungsreichtum der Länder berücksichtigen und somit für einen Nachteilsausgleich sorgen.

Mit dem Inkrafttreten des Masterplanes soll es für alle Bewerber/innen nur noch eine Quote im Auswahlverfahren geben. Aktuell teilt sich das Verfahren zwar weiterhin in drei Quoten auf (die Abiturbestenquote, das Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) und die Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ)), aber durch deine Bewerbung nimmst du automatisch an allen drei Quoten teil. In Zukunft sollen von der alleinigen Quote folgende Kriterien beachtet werden: die Ergebnisse des fachspezifischen Studierfähigkeitstests, die Abiturdurchschnittsnote, eine abgeschlossene Berufsausbildung und die absolvierten Freiwilligendienste z. B. das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ).

Da der Beruf des/der Arztes/Ärztin viel mehr als „nur“ naturwissenschaftliches Verständnis und Disziplin voraussetzt, sollen künftig soziale und kommunikative Fähigkeiten, eine schnelle Auffassungsgabe und Empathie ebenfalls bei der Bewerbung berücksichtigt werden. Die Anzahl der Studienplätze kann durch die Reformen des Masterplanes und den herrschenden Ärztemangel jedoch nicht erhöht werden. Grund dafür sind möglicherweise die Kosten. Ein einziger Studienplatz im Bereich Humanmedizin kostet dem Staat über 200.000 Euro für das gesamte Studium.

Stärkung der Allgemeinmedizin

Die Ärztedichte auf dem Land hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Das stellt vor allem für das ländliche Gesundheitssystem ein riesiges Problem dar. Dagegen soll eine Reform helfen. Der Masterplan 2020 sieht nämlich unter anderem vor, dass 10 % aller Studienplätze an die Bewerber/innen vergeben werden sollen, die sich verpflichten, für mindestens zehn Jahren in einer Landarztpraxis zu arbeiten.

Aktuell wählen die Student/innen höchst selten den Bereich der Allgemeinmedizin für ihre Spezialisierung aus. Um das Allgemeinmedizinstudium deshalb attraktiver für Student/innen zu machen, soll es in Kooperation mit anderen Unterrichtsfächern, integrierte Lehrangebote geben. Zusätzlich werden Förderprogramme und Wahlangebote entwickelt, die den Studierenden einen Einblick in die Arbeit eines/einer Allgemeinmediziners/in gewähren.

Ebenfalls wird versucht, innerhalb der letzten zwei Semester des Medizinstudiums den Studenten/innen die Allgemeinmedizin etwas näher zu bringen. Künftig soll eines der drei Terziale im Praktischen Jahr (PJ) als ambulantes Terzial in der Allgemeinmedizin verpflichten vorgeschrieben werden. Möglich ist aber auch, dass es das verpflichtende Terzial in der Chirurgie oder der Inneren Medizin ersetzt.

Mehr Praxis innerhalb des Medizinstudiums

Innerhalb des Regelstudienganges können die Studierenden ihre theoretischen Kenntnisse, abgesehen vom Krankenpflegepraktikum, erst ab dem fünften Semester anwenden. Das senkt die Motivation der Studierenden in den ersten Semestern des Studiums erheblich. An einigen Universitäten/Hochschulen wird mit dem Masterplan 2020 deshalb der sogenannte Modellstudiengang angeboten. Hier können die Student/innen schon ab dem ersten Semester richtige praktische Erfahrungen sammeln. Auch die Hürde in Form des Physikums fällt bei dieser Art von Studiengang weg.

Wie genau das Medizinstudium praxisorientierter gestaltet werden soll, steht noch nicht fest. Um die Qualität der Mediziner in Deutschland aber zu steigern, sollen die Student/innen schon während des Studiums stärker an ihren kommunikativen und sozialen Fähigkeiten arbeiten und allgemein einen stärkeren Bezug zur Realität bekommen. Bei der Weiterentwicklung des Medizinstudiums soll die Digitalisierung zusätzlich auch eine wichtige Rolle spielen.

Wie sich das Medizinstudium neben der Reform für die Studienplatzverteilung aufgrund des Masterplanes 2020 weiterhin ändert, wird sich in der Zukunft zeigen. Wir hoffen, dass sich dadurch der Ärztemangel in Deutschland verbessert und viele junge Leuten die Chance auf ein erlebnisreiches Studium bekommen.

Justin

Justin ist gebürtiger Hamburger, 24 Jahre alt und studiert Medizin im fünften Jahr an der Uni Magdeburg. Neben seiner Autorentätigkeit bei medizinzinstudium.io führt er mit seinem Mitbewohner den erfolgreichen Podcast “Küchenmedizin”, in welchem die beiden über die Bewerbung für das Medizinstudium aufklären, tiefe Einblicke in das Studium geben und interessante Gäste wie z.B. Ärzt/innen aus verschiedenen Fachrichtungen oder Betroffene verschiedener Krankheitsbilder interviewen.